Lasst uns die Zukunft der Tierhaltung gestalten

Freuen Sie sich an Tieren auf der Weide oder auf Stroh im Stall? Liegen Ihnen familienbetriebene Bauernhöfe am Herzen? Halten Sie sauberes Wasser und intakte Ökosysteme für lebenswichtig? Bei der Tierhaltung geht es um all das. Und trotzdem findet die öffentliche Debatte um die Zukunft der Tierhaltung nur vereinzelt statt. Dabei wächst auch unter Tierhalter*innen die Einsicht, dass es so nicht mehr weitergeht. Sie spüren, dass bei den häufig zu niedrigen Preisen eine Optimierung ihrer Produktionskosten nicht mehr ausreicht. Dass die Konsumgewohnheiten sich ändern. Dass sie immer weniger eine Wahl haben, weil die Abnehmerseite auf wenige Konzerne konzentriert ist. Dass Seuchen zunehmen, die sie jederzeit hart treffen können. Gleichzeitig duldet der Wasser-, Gewässer-, Klima- und Tierschutz keinen Aufschub. Die „schleichende Pandemie“ von Antibiotikaresistenzen fordert weltweit jährlich 1,3 Mio. Menschenleben, davon bis zu 9.700 in Deutschland. In unsicheren und herausfordernden Zeiten braucht es einen Kompass, der Orientierung und (Planungs-)Sicherheit bietet, und zwar über Legislaturperioden hinweg. Ein Blick auf Dänemark und ihre neue „Vierklee-Regierung“ ist zukunftsweisend. Wann ein solches Momentum in Deutschland entsteht, liegt auch in unserer Hand. Wir sollten die Debatte über die Zukunft der Tierhaltung jetzt führen.

Frust und Unsicherheit bei Tierhalter*innen

Das werden schweinehaltende Betriebe so schnell nicht vergessen. Die größte Krise am deutschen Schweinemarkt seit Jahrzehnten. Sie dauerte ganze zwei Jahre, vom März 2020 bis Anfang Februar 2022. Die Preise waren tief im Keller, sie lagen lange Zeit unter den Produktionskosten. Viele Betriebe waren auf Liquiditätshilfen und Kredite von Banken angewiesen. Die Gründe: Erst Corona und dann ab September 2020 die Afrikanische Schweinepest. Seitdem gab es jedes Jahr größere Ausbrüche von Schweine- oder Geflügelpest in der EU, wobei letztere auch auf den Menschen übertragen werden kann. Es setzt sich bei Landwirt*innen die Erkenntnis durch, dass die Schweinehaltung im Umbruch ist und ein Wandel auch in den Intensivregionen mit hoher Viehdichte unausweichlich ist. Die Banken stützen diese Einsicht: „Wir haben unsere Einschätzung über die Zukunftsfähigkeit der deutschen Schweineproduktion in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich nach unten korrigiert“, so ein Banker aus der Vorstandsetage einer norddeutschen Bank.

Quelle: Sondergutachten Monopolkommission

Unter den Tierhaltern herrscht Unsicherheit und Frust. Die Milchpreise sind im Keller, der Milchmarkt ist durch die genehmigte Fusion von Arla & DMK noch stärker konzentriert. Seit Anfang 2024 zieht sich der drittgrößte Schweineschlachter Vion schrittweise aus dem Markt zurück. Internationale Investoren prägen die Schlachtbranche. Minister Rainer stampft das Bundesprogramm zum Umbau der Tierhaltung ein. Ab dem 1. September 2026 können keine Anträge mehr gestellt werden. Dabei stellt sich für viele Ferkelerzeuger*innen jetzt die Frage, ob sie investieren, um das Magdeburger Kastenstand-Urteil umzusetzen, oder ob sie ihre Produktion über kurz oder lang aufgeben. Beim Thema Düngen gibt es keine Klarheit, keine Übergangsverordnung und kein nationales Aktionsprogramm. Das große Damoklesschwert „Vertragsverletzungsverfahren“ hängt über ihnen. Das Seuchenrisiko ist groß. Die Einkommensaussichten sind unsicher. Die exportabhängige Fleischproduktion ist den geopolitischen Spannungen und fragilen Weltmärkten ausgesetzt. Die Bundesregierung schaut unbeteiligt zu, wie tierhaltende Familienbetriebe zu Hauf aufgeben.

„Erhöhtes Risiko“ Marktkonzentration

Die Fleischindustrie ist stark konzentriert. Die Monopolkommission bescheinigt ihr einen „geringen Wettbewerbsdruck“. 2024 kontrollierten die sechs größten Konzerne in der Schweineschlachtung 65 Prozent des Marktes. Tönnies – heute Premium Food Group – und Westfleisch dominieren mit großem Abstand den Markt. Ihr Marktanteil stieg von 35 Prozent im Jahr 2009 auf 46,4 Prozent im Jahr 2025. Bei der Rinderschlachtung zeigt sich das gleiche Bild. Der Marktanteil der drei größten Konzerne stieg von 20 Prozent im Jahr 2009 auf 43 Prozent im Jahr 2023, darunter auch Tönnies und Westfleisch. In der Geflügelindustrie kontrollieren die sechs größten Konzerne knapp 80 Prozent des Marktes, wobei der größte Anteil mit über 35 Prozent allein auf die PHW-Gruppe (Wiesenhof) entfällt.

Die oligopolistischen Strukturen stellen aus Bankerperspektive ein „erhöhtes Risiko“ dar. Das Schließen eines einzigen Schlachthofs in Rheda-Wiedenbrück habe in der Corona-Krise dafür gesorgt, dass die gesamte Branche kurz vor dem Zusammenbruch stand. Landwirt*innen profitieren zudem immer weniger von steigenden Verbraucherpreisen an der Ladentheke von Edeka, Rewe, Lidl und Aldi. Die steigende Produktivität und die Effizienzgewinne in der Fleischproduktion können im Durchschnitt nicht vollständig in höhere Profite übersetzt werden. Während Schweinemäster beispielsweise 2024 im Schnitt 2,04 Euro pro Kilo erhielten, mussten Verbraucher*innen 8,21 Euro für das Kilo an der Ladentheke bezahlen – ein Unterschied von 6,17 Euro. 2022 lag die Differenz bei einem Erzeugerpreis von 2,02 Euro bei 5,74 Euro.

Versagen beim Wasser- und Gewässerschutz

Die EU hat in den letzten vier Jahrzehnten den Wasser- und Gewässerschutz gestärkt. 1980 mit der Trinkwasserrichtlinie, die für Nitrat einen Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter Trinkwasser festschreibt. 1991 mit der Nitratrichtlinie, die nationale Aktionsprogramme vorsieht, die Gewässer vor Verunreinigungen durch Nitrat aus landwirtschaftlichen Quellen schützen sollen. 2000 mit der Wasserrahmenrichtlinie, die als Ziel festlegt, bis spätestens 2027 einen „guten ökologischen Zustand“ der europäischen Gewässer zu erreichen. 2008 mit der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie, die verlangt, Quellen von Nährstoffeinträgen in die Meere zu beseitigen. Stoffe, die zu einer Eutrophierung der Gewässer führen, sowie Stoffe mit toxischen Wirkungen, sind nämlich aus gutem Grund besonders negativ zu bewerten.

Deutschland nimmt den Schutz des Grund- und Trinkwassers jedoch bislang nicht ernst. 2013 leitet die EU-Kommission ein Vertragsverletzungsverfahren ein, 2014/15 erneute Mahnungen, 2016 reicht sie eine Klage beim Europäischen Gerichtshof ein, 2021 erwägt sie eine erneute Klage. Erst das grün geführte Landwirtschaftsministerium in der Ampelregierung konnte Millionenstrafzahlungen durch ein neues Düngerecht abwenden und den Weg für eine verursachergerechte Düngung frei machen. Beides scheiterte jedoch an der CDU/CSU im Bundesrat. Seitdem geht es weiter abwärts. Im Juni 2025 hebt Minister Rainer (CSU) die geltende Stoffstrombilanzverordnung ohne die erforderliche Beteiligung des Bundestags ersatzlos auf. Die Grünen reichen deswegen eine Organklage ein.

„Alle grundlegenden, mit der Düngung zusammenhängenden Umweltprobleme und Lösungsansätze sind seit 40 Jahren bekannt.“

Quelle: Wissenschaftlicher Beirat für Düngungsfragen

Die Auflagen in Gebieten mit einer hohen Nitratbelastung des Grundwassers sind ärgerlich, weil sie vermeidbar gewesen wären. Statt das Problem vor sich her zu schieben, hätten vor Jahrzehnten eingeführte wirksame Düngeregeln die Stickstoffeinträge smart reduzieren können. Sauberes Grund- und Trinkwasser für die rund 83,5 Millionen Menschen in Deutschland könnte schon heute Realität sein. Alle jene erweisen Landwirt*innen einen Bärendienst, wenn sie ein wirksames Düngerecht inkl. Nährstoffcontrolling und korrigierter Düngebedarfswerte verhindern. Sie schüren ihre Unsicherheit und ihren Frust, erhöhen ihre wirtschaftlichen Risiken und bringen die Bevölkerung gegen sie auf. Sauberes Wasser ist nicht verhandelbar.

Klimaziel nur mit Abbau von Tierbeständen erreichbar

Ein Blick auf die Treibhausgasemissionen in der Landwirtschaft zeigt, dass die Tierhaltung die stärkste Wirkung auf das Klima hat. Gleichzeitig droht das Klimaziel deutlich verfehlt zu werden. Wer sich ehrlich macht, müsste einsehen, dass es nur erreicht werden kann, wenn die Bestandszahlen deutlich abgebaut werden. Agora Agrar hat berechnet, dass die Emissionen aus der Tierhaltung bis 2045 gegenüber 2020 um etwa 68 Prozent sinken müssten. Gemäß ihrem Szenario müsste entsprechend…

  • der Rinderbestand in Deutschland bis 2045 um etwa 45 Prozent zurückgehen, dabei wäre der Rückgang bei Fleischrindern mit 60 Prozent höher als bei laktierenden Milchkühen mit 30 Prozent.
  • die Zahl der Mastschweine um 59 Prozent zurückgehen, die Zahl der Zuchtsauen um 67 Prozent.
  • die Zahl der Legehennen um 37 Prozent zurückgehen. Bei der Geflügelmast wird aufgrund der aktuell beobachteten Konsumtrends und der Futtereffizienz von einem Rückgang von nur 14 Prozent ausgegangen.

Regionen mit einer hohen Viehdichte im Jahr 2020, zum Beispiel im Nordwesten Deutschlands, hätten jedoch im Agora Agrar-Szenario auch 2045 noch verhältnismäßig hohe Tierzahlen. Hier würde der Rückgang der Tiere prozentual nicht grundsätzlich größer ausfallen, als in tierärmeren Regionen. Zudem käme es zu einem deutlichen Rückgang der Mutterkuhhaltung auf der Weide, was aus Biodiversitätsperspektive nicht wünschenswert wäre.

Was würde denn passieren, wenn alle Kühe auf der Weide grasen würden? Greenpeace hat es in der Grünland-Studie 2024 berechnet. Die Anzahl der Milchkühe wäre von damals 3,8 Millionen Tieren auf 3,6 Mio. gesunken, wenn die Milchkühe (fast) ausschließlich mit Gras gefüttert werden würden. Zum Stichtag der letzten Viehzählung am 3. Mai 2025 wurden auf etwa 47 700 Betrieben 3,58 Mio. Milchkühe gehalten. Die Anzahl der übrigen Rinder würde stark zurückgehen, weil Mastrinder früher als üblich geschlachtet werden und keine Kühe zur reinen Rindfleischerzeugung gehalten werden würden. Aber die Weidehaltung ist bei reduzierten Tierzahlen nicht nur gut fürs Klima, sondern auch für die Kühe selbst, für die Artenvielfalt und für den Amazonas. Der zweitgrößte Lieferant von Sojabohnen für den deutschen Markt ist nämlich Brasilien. Der Sojaanbau führt zur Abholzung des Regenwaldes, beinhaltet Monokulturen mit einem hohen Anteil Gentechnik-Soja und Pestiziden und schürt Landkonflikte.

7 Wege zur zukunftsfähigen Tierhaltung

Es wäre schön, wenn ein Einvernehmen darüber gäbe – unabhängig von demokratischer politischer Couleur, dass „Nichtstun“ keine Option ist. Es ist besser den Wandel zu gestalten, als ihn mit allen sozialen Härten, wirtschaftlichen Verwerfungen und Umweltproblemen passieren zu lassen. Ein „Weiter so“ käme uns in vielerlei Hinsicht teuer zu stehen. Zudem ist das Risiko für die Tierhalter*innen, die Gesellschaft und die Politik zu groß. Wenn sich der Frust und die Verzweiflung bahn brechen; wenn Rechtsextreme die Menschen in ländlichen Räumen gegen demokratische Parteien aufwiegeln; wenn der Klima-, Wasser- und Bodenschutz unter die Räder kommt und wenn viele Tiere leiden, geht uns das alle an. Gerade weil heutzutage wissenschaftliche Fakten zu häufig in Frage gestellt werden oder einfach nicht mehr zählen, ist es wichtig, diese als Grundlage für politische Entscheidungen und die Gestaltung von zukunftsfähigen Umbaupfaden heranzuziehen. Diesen Grundsatz gilt es immer wieder zu verteidigen, in öffentlichen Debatten und in demokratischen Institutionen.

Die Frage ist nicht, „ob“ die Tierhaltung in Deutschland eine Zukunft hat, auch wenn dies in politischen Debatten gerne mal unterstellt wird. Es geht um das „wie“ und um „wie viele Tiere“. Dabei starten wir nicht bei null. 2015 hat der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik (WBA) des Landwirtschaftsministeriums Leitlinien und Empfehlungen für eine gesellschaftlich akzeptierte Nutztierhaltung entwickelt, weil er die derzeitigen Haltungsbedingungen eines Großteils der Nutztiere für nicht zukunftsfähig hielt. Es braucht zudem einen breiteren Ansatz, um die Stickstoffemissionen aus der Landwirtschaft zu reduzieren. Darauf haben gleich drei wissenschaftliche Beratungsgremien im Jahr 2013 verwiesen: der WBA (heute WBAE), der wissenschaftliche Beirat für Düngungsfragen (WBD) und der Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung (SRU). Das Sondergutachten des SRU „Umweltprobleme der Landwirtschaft“ geht sogar schon auf das Jahr 1985 zurück. Seither haben sich der SRU, das Umweltbundesamt und andere wissenschaftliche Institutionen kontinuierlich für eine ökologische Neuausrichtung der europäischen und nationalen Agrarpolitik eingesetzt.

Angesichts des globalen ökologischen Fußabdrucks und der negativen gesundheitlichen Effekte eines sehr hohen Fleischkonsums spricht sich der WBA für die Strategie einer tiergerechteren und umweltfreundlicheren Produktion bei gleichzeitiger Reduktion der Konsummenge aus. Es gilt ökonomische Chancen für die notwendigen Veränderungen der Tierhaltung zu erschließen und eine neue Kultur der Erzeugung und des Konsums tierischer Produkte einzuleiten.“

Quelle: Wissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik

Es gibt kein Erkenntnis- oder Wissensproblem, so viel steht schon mal fest. Um eine tragfähige Lösung zu erreichen, macht es Sinn, demokratische Institutionen einzubeziehen, denen die Menschen in Deutschland vertrauen. 71 Prozent vertrauen der Wissenschaft, 56 Prozent dem Bundesverfassungsgericht, 53 Prozent Gerichten und 47 Prozent der Partei, die sie wählen. Was ist also zu tun?

Urteil des Bundesverwaltungsgerichts umsetzen

Die Bundesregierung sollte umgehend das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 8. Oktober 2025 umsetzen. Die Bundesregierung wird verurteilt, ein nationales Aktionsprogramm zum Schutz der Gewässer vor Verunreinigung durch Nitrat aus landwirtschaftlichen Quellen unter Beachtung der Rechtsauffassung des Bundesverwaltungsgerichts zu erstellen. Das Gericht führt aus, dass Gewässer nicht nur dann als von Verunreinigung betroffen angesehen werden, wenn Grundwasser mehr als 50 mg/l Nitrat enthält, sondern insbesondere auch dann, wenn in Binnengewässern, Mündungsgewässern, Küstengewässern und Meeren eine Eutrophierung festgestellt wurde. Zu dem Entwurf des Aktionsprogramms ist eine Strategische Umweltprüfung durchzuführen.

„Zukunftsfähige Landwirtschaftsstrategie“ entwickeln

Der wissenschaftliche Beirat für Düngungsfragen schlägt in einer Stellungnahme aus dem Jahr 2020 interessanterweise vor, eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete „Landwirtschaftsstrategie“ unter Einbeziehung von Ackerbau, Grünlandbewirtschaftung und Tierproduktion zu entwickeln. Kern des mit der organischen Düngung verbundenen Problems sei, dass in den Regionen mit hoher Nutztierdichte teilweise massive Nährstoffüberhänge beständen. Eine Option ist, dass die Bundesregierung ressortübergreifend – wie bei der Ernährungsstrategie – eine zukunftsfähige Landwirtschaftsstrategie erarbeitet und verabschiedet. Zielführender ist möglicherweise ein überparteilicher Ansatz. Die Strategie könnte im Bundestag als Antrag unter Beteiligung der relevanten Ministerien entwickelt und von demokratischen Parteien verabschiedet werden. Der Prozess sollte von Wissenschaftler*innen begleitet und unter Einbeziehung von Ländern und Stakeholdern erfolgen. Grundlage sollten insbesondere relevante Gutachten der oben genannten wissenschaftlichen Beratungsgremien sein.

Weidehaltung fördern

Landwirt*innen sollten dafür honoriert werden, wenn sie ihre Tiere auf der Weide halten. Die Tiere können sich frei bewegen, Kulturlandschaften werden erhalten, die Böden speichern Wasser und CO2. Werden die Weiden nicht intensiv bewirtschaftet, sind sie auch für die Artenvielfalt sehr wertvoll. Viele Weidehalter warten jedoch seit 2024 auf angekündigte GAP-Fördergelder, jetzt will Landwirtschaftsminister Rainer die Weideprämie sogar streichen. Dabei gilt es jetzt den Trend umzukehren. Dauergrünland wird seit 1979 vermehrt in Ackerland umgewandelt und intensiver bewirtschaftet (N-Düngung; Nutzungshäufigkeit). Seit Anfang der 1990er Jahre sind bereits rund 600.000 ha Dauergrünland verloren gegangen. 2025 sind es noch 4,74 Mio. ha, davon etwa 5 Prozent Biotopgrünland. Ein neues Gutachten, das im Auftrag des Wissenschaftlichen Beirats für Natürlichen Klimaschutz erstellt wurde, empfiehlt einen Paradigmenwechsel hin zu einer „semi-intensiven Dauergrünland-Milcherzeugung“ mit Mindestanteilen von Grünlandfutter in den Futterrationen der Milchkühe.

Exkurs: Falsche Weichenstellungen für die EU-Agrarpolitik

Mehr Obst und Gemüse und weniger rotes Fleisch sind essenziell für eine gesündere und zugleich klimafreundlichere Ernährung. Bereits heute wird die Produktion von Milch und Fleisch mit 3,8 Mrd. Euro Subventionen gefördert und jene von Obst und Gemüse nur mit 1,1 Mrd. Euro. Also gut drei Mal so viel. Eine Meta-Studie zur EU-Tierhaltung kommt 2024 zum Schluss, dass die verschiedenen GAP-Reformen sich besonders negativ auf die Nachhaltigkeit des Tierhaltungssektors ausgewirkt haben. Es liege auf der Hand, dass die derzeitigen Maßnahmen nicht ausreichen werden, um die ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen der EU-Tierhaltung zu bewältigen. Eine 2025 veröffentlichte Meta-Analyse der EU-Forschungsprojekte zur Nachhaltigkeit der Tierhaltung zeigt, dass erstens zusätzliche Anstrengungen erforderlich sind, um die Ammoniak- und Methanemissionen zu reduzieren. Und zweitens, wie wichtig es ist, dass die öffentliche Unterstützung auf die Nachhaltigkeit der europäischen Tierhaltung ausgerichtet ist. Gegenwärtig macht die Politik in Brüssel und Berlin mit ihrer widersinnigen Abkehr vom Green Deal und dem historische Rückschlag bei der EU-Agrarpolitik jedoch das genaue Gegenteil. Dass es anders geht, zeigt auch eine Studie vom Thünen-Institut und der Universität Oxford, die in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht wurde.

Bundesprogramm zum Umbau der Tierhaltung weiterführen

Landwirtschaftsminister Rainer will die Antragsfrist für Investitionsmittel über das bestehende Bundesprogramm zum Umbau der Tierhaltung zum 31. August 2026 auslaufen lassen. Angeblich ist und bleibt der Umbau der Tierhaltung ein wichtiges Anliegen der Bundesregierung Die Haushaltslage seines Ministeriums ist allerdings so schlecht, dass er dafür kein Geld hat. Er könnte höchstens Gelder innerhalb der Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ (GAK) zu Lasten anderer wichtiger Programme umschichten. Das ist keine Lösung. Klar ist, es braucht eine verlässliche Finanzierung des Umbaus der Tierhaltung und – wie aktuell – eine Flächenbindung der Tierhaltung, die grundsätzlich nicht 2,0 GVE je Hektar selbstbewirtschafteter landwirtschaftlicher Nutzfläche überschreitet. Für die verschiedenen Finanzierungsmodelle gibt es bereits eine Machtbarkeitsstudie, die 2021 für das Landwirtschaftsministerium erstellt und veröffentlicht wurde.

Tierhaltung gerecht umbauen, um Klimaziele zu erreichen

Das Klimaziel kann nur erreicht werden, wenn die Bestandszahlen deutlich sinken. Intensivregionen mit hoher Viehdichte sind besonders herausgefordert, wenn es um den Umbau der Tierhaltung und die Reduzierung der Tierbestände geht. Es ist hier besonders wichtig, einen gerechten Übergang zu ermöglichen. Der „Strategische Dialog“ zur Zukunft der EU-Landwirtschaft schlägt auch für Gebiete mit hoher Viehdichte zusätzliche Instrumente wie territoriale Aktionspläne und einen „Agri-food Just Transition Fund“ vor. Landwirt*innen, regionale Behörden und die Zivilgesellschaft sollten – so seine Empfehlung – gemeinsam einen „territorialen Ansatz“ entwickeln. Das heißt, regionale Roadmaps zur Reduzierung von Treibhausgasen und für andere noch nicht erreichte Umweltziele. Förderangebote auf Ebene der Bundesländer sollten durch Bundesprogramme und EU-Mittel ergänzt werden. Im Kern geht es um eine Diversifizierung, die in Richtung von regionalen Nährstoffkreisläufen, einer höheren Selbstversorgung mit Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten und einer Stärkung regionaler Wertschöpfungsketten erfolgen sollte.

Umfassende Tierhaltungskennzeichnung umsetzen und Lücken im Tierschutz schließen

Verbraucher*innen ist Tierschutz wichtig, sie wollen wissen, unter welchen Bedingungen Tiere gehalten werden. Die verbindliche Tierhaltungskennzeichnung gibt ihnen die Chance, sich an der Ladentheke bewusst für frisches Schweinefleisch aus artgerechter Haltung zu entscheiden. Landwirt*innen, die mehr für das Wohl ihrer Tiere tun, können ihre Leistungen am Markt sichtbar machen. Die Bundesregierung hat die Tierhaltungskennzeichnung nun auf den 1. Januar 2027 verschoben. Eigentlich hätte sie am 1. August 2025 in Kraft treten sollen. Eine weitere Verzögerung wäre fatal. Entscheidend ist, dass sie jetzt auch für die Außer-Haus-Verpflegung kommt. Dann muss es zügig weitergehen mit der Ausweitung auf weitere Tierarten wie Geflügel und Rinder. Erforderlich ist zudem eine umfassende Überarbeitung der Tierschutztierhaltungsverordnung, insbesondere bei Rindern und Puten. Lücken im Tierschutzgesetz wie bei der Qualzucht oder beim Brandschutz müssen geschlossen werden.

Reduktionspfad für Tierbestände festlegen

Es braucht einen verbindlichen Reduktionspfad für die nächsten 15 Jahre, der ökonomisch für die Betriebe planbar ist, die Wasser- & Klimaziele erreichbar macht und regional fair ausgestaltet ist. Umgesetzt werden könnte dies im Klimaschutzgesetz, in dem CO2-Äuivalente für 2045 und für Zwischenziele festgelegt werden. Der Reduktionspfad müsste von einer verlässlichen Finanzierung, Diversifizierungsprogrammen und einer flankierenden Nachfragepolitik begleitet werden. Eine Reduzierung der Tierbestände würde das Grundwasser entlasten, das Klima schützen, die Bodenqualität verbessern und die biologische Vielfalt befördern. Die Stickstoffmengen aus der Rinderhaltung würden um 50 Prozent sinken, aus der Schweinemast um 52 Prozent, aus der Legehennenhaltung um 42 Prozent und aus der Geflügelmast um 5 Prozent. Als Treiber einer Bestandsreduktion könnte sich die Ausbreitung der Geflügelpest erweisen. Das renommierte Friedrich-Löffler-Institut schreibt im Jahr 2022, dass im Falle einer ganzjährigen Zirkulation der Geflügelpestviren eine Verringerung der Dichte kommerzieller Geflügelbetriebe durch Wiederbelegungsverbote als mittelfristige Maßnahme in Frage komme. Langfristig solle auch beim Erreichen einer endemischen Situation die Umstrukturierung von Geflügelproduktionssystemen, die besonders anfällig für die Geflügelpest seien, überdacht werden.

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